PAULINA JUNGE

Es begann mit kleinen Büchern - lispelnd vorgetragen im Sitzkreis der 1c - gefolgt von holprigen Gedichten, dramatischen Aufsätzen über ausrangierte Drahtesel und schließlich einem handgezimmerten Rednerpult im heimischen Garten. Das provisorische Konstrukt klappte eines verregneten Tages morsch in sich zusammen, doch die Liebe zur Sprache ist geblieben. Bis heute.

"Nein zu Five"

Eine Kurzgeschichte mit Augenringen. Gewinnerbeitrag zum Schreibwettbewerb "Modernes Arbeiten" im Juli 2022. Veröffentlicht im Online-Magazin des Goethe-Instituts "Zeitgeister".

"Wir müssen reden ..."

Ein Werbetext für die Website der Hundeschule "Paartherapie".

Tagebuchtext (06/05/2022)

Created with Sketch.

180 Köpfe auf 11.000 Fuß. Einer davon meiner, am letzten Fenster hinten rechts. Neben zwei unruhig dösenden Russinnen, die pechschwarze Wimpernersatzprodukte im Kehrbesenformat auf den Augenlidern balancieren.

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, doch mein Sitzflächeninhalt liegt nur knapp über dem Existenzminimum. Der Versuch, mich aus meiner Jeansjacke zu schälen, wird zum unansehnlichen Entfesslungsakt, zusätzlich erschwert durch ein zitterndes Heißgetränk in der kreisrunden Klapptischsenke. Ein organischer Biotee im betont recyclebaren Pappbecher, der teurer war als das Flugticket. Vermutlich ein beliebter Airline-Gag zum Aufpäppeln des kläglichen grünen Passagiergewissens.

Oft macht man da Urlaub, wo andere arbeiten (die man dann Kollegen nennt). Und manchmal ist es andersherum. Zwei Monate habe ich meinen Schreibtisch in den schönsten Stiefel der Welt schieben dürfen und mich nebenbei ganz hemmungslos durch römische Kunst-, Kultur- und Kohlenhydratkompositionen geschlemmt.

Jetzt schwebe ich zurück, mit drei spannenden Hosenbünden und viel Dankbarkeit im Gepäck. Für all die sonnigen Eindrücke, aber hauptsächlich dafür, dass ich noch lebe.

Denn der italienische Verkehr ist römisches Roulette, ein Zebrastreifen lediglich ein Serviervorschlag, von dem nur die Hartgekochtesten Gebrauch machen. Wer zögert, verliert, wer schlau ist, überquert die Straße in Begleitung einheimischer Erwachsener, die man tendenziell an den engeren Hosen und schöneren Haaren erkennt.

Noch viel schneller als der Verkehr ist die Zeit an mir vorbeigerauscht. Oder ich an ihr? Außerordentlicher Espressokonsum dopte kontinuierlich meine Schrittgeschwindigkeit. Was bleibt ist ein verschwommener Fassadenfilm aus grünen Dachgartenoasen und Kuppelkunst bis zum Himmel, den ich mir an Berliner Regentagen sicher noch das ein oder andere Mal genüsslich durch den Kopf gehen lassen werde.

Aus meiner Zwangsjeansjacke habe ich mich inzwischen triumphierend befreit und kann nun unbeschwert aus dem Fenster sehen. Auf Wolken, die so kunstvoll aussehen, wie die ewige Stadt darunter.

Arrivederci, Roma!

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