Hallo | Es begann mit kleinen Büchern - lispelnd vorgetragen im Sitzkreis der 1c - gefolgt von holprigen Gedichten, dramatischen Aufsätzen über ausrangierte Drahtesel und schließlich einem handgezimmerten Rednerpult im heimischen Garten. Das provisorische Konstrukt klappte eines verregneten Tages morsch in sich zusammen, doch die Liebe zur Sprache ist geblieben. Bis heute.

April 2024 | Wer leidenschaftlich gern mit Worten jongliert, erleidet schnell Schnappatmungen im zwackenden Theoriekorsett der Geisteswissenschaft. Es geht sachlich und unromantisch zu in den Untiefen des Fernstudiums, bei meinen unbeholfenen Tauchgängen zu zitierbaren Quellen drohe ich nicht selten unterzugehen oder von der nächstgelegenen Ablenkung hinfortgespült zu werden: Mal ist es eine Familienpackung klebrigsüßer Schokobons in knisternder Reichweite, mal ein lange totgeglaubter, plötzlich aufploppender Pop-Hit zwischen meinen Ohrmuscheln oder eben der immense Drang, einen studentischen Klage-Post mit Instagram und seinen Bewohnern zu teilen.

Dabei darf ich mich gar nicht beschweren, schließlich säe ich auf dem akademischen Acker der Privilegierten in einem Land, dem der bürokratische Schein nun mal heilig ist. Also mache ich interessierte Miene zum öden Spiel, staune an der ein oder anderen Textstelle sogar über ehrlich aufflackernde Neugierde und wecke mich dann und wann mit einem dieser unverhofft einsetzenden 2000er-Kopfkonzerte selbst aus dem Sekundenschlaf: „ASERJE HE HA DE HE ..."

September 2022 | Die Trägerinnen dieser Sohlen haben zweieinhalb Jahre lang gemeinsam Toiletten geschrubbt, wilde Reisegruppen eingefangen, trübe Teelöffel poliert, hysterische Stammgäste wegmoderiert, Servietten in Berge von Bischoffsmützen ummodelliert - und natürlich teppichgewordene Textilträume wie diesen mit hochmodernem Sauggerät bearbeitet. Dabei stets lächelnd und transpirierend, in einer nahezu antiken Uniform, die mehr Schichten hatte als der Dienstplan. Man könnte also meinen, auf diesem Bild sei ein seither wöchentlich abgehaltener Selbsthilfekreis zu sehen. Stattdessen ist es das erste Wiedersehen nach Jahren. Ein sehr schönes.

Mai 2022 | 180 Köpfe auf 11.000 Fuß. Einer davon meiner, am letzten Fenster hinten rechts. Neben zwei unruhig dösenden Russinnen, die pechschwarze Wimpernersatzprodukte im Kehrbesenformat auf den Augenlidern balancieren.

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, doch mein Sitzflächeninhalt liegt nur knapp über dem Existenzminimum. Der Versuch mich aus meiner Jeansjacke zu schälen wird zum unansehnlichen Entfesselungsakt, zusätzlich erschwert durch ein zitterndes Heißgetränk in der kreisrunden Klapptischsenke. Ein organischer Biotee im betont recyclebaren Pappbecher, der teurer war als das Flugticket. Vermutlich ein beliebter Airline-Gag zum Aufpäppeln des kläglichen grünen Passagiergewissens.

Oft macht man da Urlaub, wo andere arbeiten (die man dann Kollegen nennt). Und manchmal ist es andersherum. Für zwei Monate habe ich meinen Schreibtisch in den schönsten Stiefel der Welt schieben dürfen und mich nebenbei ganz hemmungslos durch römische Kunst-, Kultur- und Kohlenhydratkompositionen geschlemmt.

Jetzt schwebe ich zurück, mit drei spannenden Hosenbünden und viel Dankbarkeit im Gepäck. Für all die sonnigen Eindrücke, aber hauptsächlich dafür, dass ich noch lebe. Denn der italienische Verkehr ist römisches Roulette, ein Zebrastreifen lediglich ein Serviervorschlag, von dem nur die Hartgekochtesten Gebrauch machen. Wer zögert, verliert, wer schlau ist, überquert die Straße in Begleitung einheimischer Erwachsener, die man tendenziell an den engeren Hosen und schöneren Haaren erkennt.

Noch viel schneller als der Verkehr ist die Zeit an mir vorbeigerauscht. Oder ich an ihr? Außerordentlicher
Espressokonsum dopte kontinuierlich meine Schrittgeschwindigkeit. Was bleibt ist ein verschwommener Fassadenfilm aus grünen Dachgartenoasen und Kuppelkunst bis zum Himmel, den ich mir an Berliner Regentagen sicher noch das ein oder andere Mal genüsslich durch den Kopf gehen lassen werde.

Aus meiner Zwangsjeansjacke habe ich mich inzwischen triumphierend befreit und kann nun unbeschwert aus dem Fenster sehen. Auf Wolken, die so kunstvoll aussehen, wie die ewige Stadt darunter. 

Arrivederci, Roma!

Nein zu Five | Eine Kurzgeschichte mit Dauergast

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20. Plötzlich steht sie vor der Tür. Seine Arbeit. Ein paar zerfledderte Aktenordner und ein Locher unter den Arm geklemmt. Das Büro sei wegen Corona jetzt komplett dicht, nuschelt sie verlegen, keiner käme mehr. Es würde nicht mal mehr geheizt oder gereinigt, es sei kalt und staubig und einsam und überhaupt. Sie schnieft. Er zögert. Sie kennen sich ewig, aber eigentlich kaum, der tägliche Kontakt über die Jahre angenehm unpersönlich geblieben, ab und an ein Händedruck oder Blumen zum Jubiläum. Die kleine Wohnung eh schon überfüllt. "Nur übergangsweise!", hört er sich sagen. Und es gebe Regeln, vor allem: kein Job-Gerede nach 17 Uhr, dann müsse sie sich selbst beschäftigen. Im Gästezimmer richtet er der Arbeit ein provisorisches Plätzchen ein – zwischen drei Lego-Kisten und einem reich behängten Wäscheständer. Hier könne sie erstmal bleiben. Er versuche, es nachher seiner Frau zu erklären. 


21. Seine Arbeit sitzt splitternackt auf der Küchentheke, nur stellenweise von bunten Post-Its bedeckt, und verschlingt eine 5-Minuten-Terrine. "Gleich Zoom-Meeting zum Thema Work-Life-Balance!", erinnert sie ihn schmatzend. Sie folgt ihm durch jeden der 52 Quadratmeter, klingelt Sturm, wenn er zu lange im Supermarkt oder auch nur im Nebenzimmer verweilt. Sie fühle sich sehr wohl, betont sie immer wieder, es sei irgendwie viel persönlicher als im Büro. Am Abendbrottisch funkt sie zuverlässig dazwischen, er versteht seinen Sohn kaum, wenn der lispelnd von seinem Dinosaurierprojekt berichtet. Nachts steckt sie flüsternd den Kopf durch die Tür: "Übrigens, du hast die Mail gar nicht abgeschickt!", um wenig später knarzend zu korrigieren: "Falscher Alarm, hast sie doch abgeschickt." Oder sie krabbelt direkt in die Mitte des Bettes und textet ihn unter der Decke noch ein wenig zu. Dann zieht seine Frau genervt aufs Sofa um, sie müsse morgen früh raus, überhaupt frage sie sich, warum sie noch neben ihm schlafe, wenn er doch ohnehin nur noch Augen und Ohren für die Arbeit habe. 


Er trägt kaum noch Hosen. Er vergisst sie, wenn keine Konzentration mehr übrig ist, vergisst sie absichtlich, wenn keine Energie mehr übrig ist. Oder vergisst zu waschen, dann ist einfach keine Hose mehr übrig. Je entspannter die Arbeit wird, desto mehr Arbeit macht ihm die Entspannung. Als er eines unterkoffeinierten Morgens versucht, seinen Sohn mit der Fernbedienung stummzuschalten, droht ihm seine Frau mit fristloser Ehe-Kündigung. 


22. "Du musst ausziehen. Sonst muss ich ausziehen", sagt er. "Habe dir ein Coworking-Space in der Nähe rausgesucht, bis wir wieder ins Büro können." Die Arbeit nickt, sie habe es schon geahnt. Dann sehen sie sich lange an, von Augenring zu Augenring, bis sie fast lächeln, zum ersten Mal seit Monaten. Sie kennen sich nun wohl besser als je zuvor, vor allem ihre Grenzen. "Morgen dann um 9?", fragt sie versöhnlich, mit ihren Aktenordnern und dem Locher unterm Arm. "Keine Sekunde früher", seufzt er. Und schließt die Tür. Und schließt sie gleich nochmal. 

Zwei | Eine Kurzgeschichte im Laternenlicht

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Wie jeden Abend wird der alte Mann einmal um den Block geschleift. Zur letzten betreuten Wildpinkelei des Tages. Auf dieser Routinerunde wird nie viel geredet, denn alle zwei Beteiligten hängen dann ihrer ganz persönlichen Tagesbilanz nach.

Dabei wippen die langen Zottelohren des einen in stiller Synchronie mit dem lauwarmen Kackbeutel um das Handgelenk der anderen. Ab und zu schweift der alte Mann ab, in eine Hecke oder eine ausrangierte Chipstüte, dann zerrt die andere ihn weiter. Ab und an läuft der alte Mann wogegen, dann tätschelt ihm die andere seufzend das Haupthaar. Wenn länger nichts war, dann schielt der alte Mann hinüber zum gegenüberliegenden Leinenende, um sicherzugehen, dass die andere noch dran ist. Dann blinzelt sie ein wenig wehmütig zurück und fragt sich, wie oft die trüben Augen des alten Mannes wohl schon ins Leere geblickt haben, weil sie ins Handy. 

Aus der Kurzstrecke wird schon mal eine kleine Ewigkeit, besonders, wenn die andere sich manchmal mit Absicht ein bisschen verläuft. Sie passieren Passanten, die neuen und bekannten, unter Sternen und Laternen oft nicht so genau zu unterscheiden. Jeder und alles sieht ein bisschen anders aus in der Nacht, je nachdem wie der alte Mann und die andere sie durchschreiten: mal furchtlos, mal nicht. Mal mit runder Tagesbilanz, mal ganz ohne.

Aber am Ende steht immer die Haustür vom Anfang. Und die Frage, wer jetzt eigentlich mit wem gegangen ist.

Schlaf | Eine Kurzgeschichte mit Augenringen

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Nicht einschlafen können ist eine relativ peinliche Situation, von außen betrachtet. Da liegt einer, der hat sich extra zurecht gemacht, das spärliche Haar gekämmt, die Zähne geputzt, vielleicht sogar mit Zahnseide gearbeitet, knipst feierlich das Licht aus, deckt sich zu, schließt die Augen und wartet in dieser adretten, unschuldigen Aufmachung auf Schlaf. Sie sind verabredet, wie sonst auch. Er wartet zehn Minuten, wartet zwanzig Minuten, wartet eine Stunde. Aber Schlaf lässt sich nicht blicken. Versetzt ihn einfach, dieser Mistkerl. Ausgerechnet heute. Und jetzt liegt er da im Dunkeln wie ein Idiot mit einer ganzen Portion Nacht für eine Person vor sich. Er zählt Stunden und quält Schafe und nach einer Weile klettern Zweifel und Angst unter dem Bett hervor und erkundigen sich säuselnd, ob sie denn das Doppelbett auseinander schieben dürfen, Schlaf würde ja eh nicht mehr kommen? Der nächste Tag kuschelt sich neben ihn auf die leere Seite des Bettes, fordert ihn mit unangenehmen Fragen zum Wiener Wälzer durch die Laken auf.


Erst als die Sonne kommt, kommt Schlaf - zerzaust und geknickt. Berlin habe einfach zu viele Schlaflose, nuschelt er entschuldigend, da musste er kurzfristig aushelfen. Trotzig schüttelt er Schlaf ab, jetzt ist es auch zu spät. Er muss los. Schlaf bleibt hartnäckig, folgt ihm ins Bad, folgt ihm in die Bahn, folgt ihm ins Büro. Da, so erbärmlich in die schonungslose Grelle einer Excel-Tabelle blinzelnd, kann Schlaf nicht anders, als den Übermüdeten in eine feste Umarmung zu ziehen. Das hatten sie noch nie in der Öffentlichkeit getan. Er wehrt sich und streckt sich und koffeiniert sich - und gibt schließlich nach. Seine hässliche Lieblingstasse plumpst zu Boden, sein Kopf unsanft auf den Tisch. Mit der Wange auf den falschen Tasten schickt er mehrdeutige Rundmails an die Kollegen raus, verschnarcht die Mittagspause und drei wichtige Präsentationen. Aber Ärger ist was für Wache. Jetzt gerade ist es doch einfach nur aufrichtig schön, einander wieder zu haben.

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